












Über die Ostwand (Grazer Weg, IV+ / VI-) auf das Hochtor
Seit Wochen ununterbrochenes Schönwetter – der Herbst 2011 hat es in sich. Und der Standort unserer diesjährigen Bergsteigerdörfer-Jahrestagung passt ideal zum Wetter. Geht man vom Kölblwirt in Johnsbach ein paar Meter die Straße entlang, dann drängen sich die Felsburgen von Ödstein, Festkogel und Hochtor ins Blickfeld – wie ein Scherenschnitt vor dem tiefblauen Himmel wirken die gewaltigen, grauweiß schimmernden Gesteinsmassen.
Zum Abschluss der Tagung ist ein Abend auf der Heßhütte geplant und am nächsten Tag eine Bergtour, je nach Können der Teilnehmer. Und nun stellt sich heraus, dass alle Interessenten ziemlich geländegängig sind – eine Unternehmung der schärferen Richtung wäre daher durchaus drinnen.
Und welche Freude: Andi aus Obervellach hat zufällig die Klettersachen dabei. Seine Seile ergänzen also perfekt mein vorsorglich mitgebrachtes Eisenzeug und nach kurzer Überlegung steht es fest: wir machen morgen den Grazer Weg aufs Hochtor.
Aber vorher steht die abendliche Prüfung in Form der ausgezeichneten Weinkollektion von Heßhüttenwirt Reinhard auf dem Programm. Kölblwirt Ludwig Wolf hat es sich nicht nehmen lassen und uns auf die Hütte begleitet. Dort schmeisst er eine Runde nach der anderen, bis wir schließlich zu sehr später Stunde und ziemlich schläfrig in die ausgezeichneten Matratzen sinken.
Am nächsten Morgen tappen wir mit zunächst noch etwas unsicheren Schritten dem Tellersack zu. Die Frühsonne beleuchtet die wie eine Schichttorte gestapelten Felsplatten, welche so typisch für die Gesäuseberge sind.
Über die Einstiegsrampe ist vor kurzem ein Bergsturz heruntergerasselt. Haushohe Felsblöcke und rutschender Schutt verstellen nun den Zustieg. Daher geht es im Bogen rechts herum und über einen leichten Kamin auf eine fußballfeldgroße geneigte Felsplatte. Wie eine Ameise krabbelt man über die weite Fläche, übersteigt dann einige harmlose Stufen und erreicht schließlich von Norden her den markanten Riss, der die gesamte Ostwand durchzieht und die Aufstiegsroute unübersehbar macht. Zur phantastischen Felsqualität gesellen sich mit soliden Bohrhaken ausgestattete Stände – dem Hochgenuss steht also nichts mehr im Weg. Und so ist es auch. Eine originelle Kletterstelle reiht sich an die nächste, unschwierige Plattenschleicher wechseln mit kleingriffigen Steilpassagen. Heiklere Stellen sind mit dem einen oder anderen Bohrhaken geschmückt – aber mit Maß und Ziel, die “Alpinität” bleibt gewahrt.
Viel zu rasch haben wir die zehnte Seillänge hinter uns gebracht. Hier steigt man auf ein breites Schuttband hinaus, das den Zustieg zur Ausstiegsseillänge vermittelt. Vorsichtiges Steigen ist hier angebracht, weil jeder Stein direkt in die Route hinunterpfeifen und Nachfolger in Bedrängnis bringen würde.
Nach einiger Sucherei findet Andi die Fortsetzung der Route: eine glatte Wandpartie, die sich nach einem etwas heiklen Aufrichter in eine wunderbar raue Wasserrillenplatte wandelt. Die letzten Meter springen wir nur so hinauf und erreichen ganz unvermittelt den Vorgipfel des Hochtor.
Am Hauptgipfel “wurlt” es, kein Wunder bei diesen idealen Verhältnissen. Trotzdem finden auch wir ein Plätzchen, um die heute wirklich atemberaubende Fernsicht zu genießen. Bergstock reiht sich hinter Bergstock, ganz weit im Südwesten sehen wir die markante Formation des Triglav, von Westen grüßt das leuchtende Firnfeld der Hochalmspitze. In der Gegenrichtung baut sich ganz dunkel und massig der Ötscher auf und irgendwo da hinten müsste der Wienerwald sein.
Nur ungern lösen wir uns von diesem Bild, aber die Vision eines belebenden Getränkes beim Kölblwirt lässt sich auf Dauer nicht verdrängen. Und so starten wir in die Direttissima: der Abstieg über den an manchen Stellen ganz schön “gachen” Schneelochsteig, der durch die Südwand des Hochtores direkt nach Johnsbach hinunterführt. Und schon nach zwei Stunden strecken wir mit einem wohligen Seufzer die Haxen unter den Wirtshaustisch, schließen die Augen und sinnieren über die Schönheit der Welt…
Danke Andi – richtig sche wars!