












„Kommen Sie zu uns – wir haben nichts!“. Die launige Bemerkung eines Bergführers zu einem Reisejournalisten hat sich zur originellen Überschrift in einer Villgraten-Reportage der Hamburger Zeit gewandelt und wird nun beinahe zu einem Slogan. Solche heutigen Beschreibungen von Villgraten wirken ähnlich paradox wie jene, die vor 40 Jahren in einem Dorfbuch zum 700-jährigen der Gemeinde Innervillgraten zu lesen waren: „Was wir zu bieten haben, ist wenig und dennoch erfreulich viel“, schrieb 1967 der örtliche Fremdenverkehrsobmann Ludwig Bachmann. „Wir betrachten es als gute Zeiterscheinung“, meinte Bachmann damals, „wenn immer mehr Menschen, darunter nicht selten sogar verwöhnte und anspruchsvolle Gäste, unser stilles Tal zu ihrem Aufenthalt wählen“.
Das bewusste Beschreiten eines Sonderweges ist also nicht erst heute Thema im Osttiroler „Seiten-Seitental“, wie der kritische Volkskundler Johannes E. Trojer seine Heimat einmal selbstironisch bezeichnet hat. Das zeigt sich auch im ersten Villgrater Werbesprospekt von 1958: „Was an Komfort fehlt, wird von der herrlichen Gegend im reichen Maße ersetzt“. Was in der Prospektvermarktung Gefahr läuft, kitschig zu wirken, wurde dennoch zu einer touristischen und auch ökonomischen Leitlinie bis heute in Villgraten – verbunden mit einer gehörigen Portion Widerstandsgeist gegen wiederkehrende und neue Projekte von Skigebietserschließungen und Kraftwerken.
Ins enge Villgraten mit den zwei Gemeinden Außervillgraten (840 Einwohner) und Innervillgraten (1.050), den bis zu 70 Prozent geneigten und mit beeindruckenden Holzhäusern besiedelten Hängen, zieht es seit 1925 Sommerfrischler. Das Tal ist dank einer in den 1990er Jahren mehrheitlich von Heimatpflege-, Tourismus- und Alpenverein getragenen Strategie vor allem ein Ziel für Wanderer und Bergsteiger geblieben und neuerdings eine besondere Attraktion für Skitourengeher und Langläufer. Dieser Weg soll weiter beschritten werden, indem etwa die Hütten des Almdorfs Oberstaller (1.883 m ) winterfest gemacht und dort eine Hochloipe errichtet wird.
Ökonomisch gestärkt wird diese Entwicklung durch die seit 20 Jahren wieder intensivierte Schafwirtschaft. Der Innervillgrater Bergschafbauer und Ex-Bürgermeister Josef Schett hat hier gemeinsam mit Alois Mühlmann vom Hauben-Gasthof Gannerhof Pionierarbeit geleistet. Rund um Schetts Schafwollverarbeitungsbetrieb Villgrater Natur samt angeschlossenem Geschäft für heimische Bauernprodukte, seiner Dämmstoffe-Firma Woolin und dem auf Lammgerichte spezialisierten Ganner wurde ein Netzwerk geschaffen, das vielen Schafbauern in Osttirol Einkommen sichert und Gästen gute und spezielle Waren.